oder kurz gesagt, hier soll es um Bilder mit dem TTArtisan 90mm F1.25 gehen.
Nein, keine Werbung oder irgend eine Art von Product-Review, sondern eher ein in Bilder dargelegter Erfahrungsbericht. Weswegen ich hier auch NUR Bilder zeigen werde, die ich MIT diesem Objektiv gemacht habe.

Diese, in China gefertigte Linse, ist etwas sehr spezielles und sicher nicht für die alltägliche Fotografie gedacht. Sie funktioniert rein manuell, ist schwer und hat doch die eine oder andere Schwäche – zumindest technisch gesehen. Ich nutze diese „Schwächen“ jedoch bewusst in meinen Bildern. Dazu später noch mehr.
Das Objektiv wird vom Hersteller mit verschiedenen Anschlüssen für das Vollformat und auch für das digitale Mittelformat angeboten. U.a. für die Fuji GFX-Reihe, aus der ich ein Exemplar besitze. Also, hab ich mir, nach einiger Überlegung, ein 90mm f1.25 beschafft.
Wobei es da preislich kaum Bedenken gibt, kostet diese Linse doch einen Bruchteil dessen, was Originalanbieter für Linsen mit ähnlicher Lichtstärke aufrufen.

Meine argsten Bedenken waren, ob eine Offenblende von f1.25 an 90mm manuell überhaupt nutzbar ist, oder ob sie überwiegend Ausschuss produziert?
Nach gut 1 1/2 Jahren mit dieser Linse kann ich diese Frage gut beantworten: Ja, sie ist nutzbar.
Natürlich gibt es Ausschuss, aber der bewegt sich im überschaubaren Umfang. Und die Bilder, die nutzbar sind belohnen einen mit ungewöhnlichen und sehr sehenswerten Schärfeverläufen.
Krolop & Gerst haben sich diese Linse ebenfalls angeschaut. Und ich kann deren Eindrücke nur bestätigen.

In meinen Augen ist so ein Objektiv auch die Antwort auf die immer wieder aufkommende Frage nach dem „Mittelformat-Look“. Ohne das im Detail diskutieren zu wollen, entsteht dieser Look für mich u.a. dadurch, dass man Brennweiten mit großformatigen Sensoren in einer Weise kombinieren kann, die man in der Vollformatfotografie selten bis gar nicht findet. Grob gesagt, entspricht 90mm f 1.25 an einer GFX, an Vollformat 71,1 mm f 0,98 am Vollformat (Cropfaktor 0,79).
Also vom Bildwinkel her ein leichtes Tele – von der Blende will ich gar nicht reden…
Und da ich gern ein wenig mehr mit auf dem Bild habe, nutze ich auch gern diesen Brennweitenbereich…
Und ja, das Fokussieren mit diesem Objektiv ist eine Herausforderung. Zum Glück hilft hier moderne Technik. Spiegellose Kameras helfen hierbei mit u.a. Lupen und auch Fokus-Peaking.

Freihand Offenblende – und dennoch eine passable Schärfe, wo sie sein soll
Und somit sei auch die Frage nach der Offenblendenfähigkeit dieser Linse angesprochen. Ja, natürlich ist sie nicht wirklich knackscharf. Und doch völlig ausreichend, um schöne Portraits zu machen, die einen sehr schönen, aber nicht übertriebenen Detailgrad haben. Für mich ist absolute Schärfe sowieso oft eher hinderlich. Portraits gewinnen für mich nicht, indem sie alles knackscharf zeigen. Eher schon durch Stimmung und Ausdruck. Ich mag es zudem gern im Vintage – oder im SW-Look. Und das unterstützt die Linse prima.
Und natürlich spielt es auch eine Rolle, ob man den gewünschten Fokuspunkt wirklich erwischt. Denn bei
f 1,25 und einem Abstand von etwa 1,5 m – wie im Bild oben – bleiben ca. 2,8 cm Schärfenbereich. Also ein leichtes Zucken von mir oder dem Model reicht aus und die Aufnahme ist daneben. Wie knapp der Schärfebereich bei diesem Objektiv tatsächlich ist, kann man sich mit dem
dof-simulator errechnen lassen.

Und natürlich gibt es auch ein paar Dinge, die dem einen oder anderen etwas stören könnten. Da ist zum einen die Gegenlichtblende. Recht klein geraten, hat sie zudem die Eigenschaft, dass sie ins Filtergewinde eingeschraubt, und zum Transport einfach umgekehrt über den Objektivtubus geschoben wird. Dort sitzt sie recht stramm, aber immerhin zuverlässig. Etwas, was man über den Objektivdeckel nicht sagen kann. Der ist eine Metallplatte mit Gewinde, der in die umgekehrt sitzende Blende geschraubt wird. So ist die Linse sicher für den Transport verpackt. Jedoch lässt sich der Deckel recht schwer wieder lösen, da er sehr schmal ausfällt. Und er ist zudem – wie viele andere Objektivdeckel auch – ohne eine Möglichkeit, ihn während dem Fotografieren irgendwie zu sichern. Bei mir ist er deswegen letztens irgendwo im Gras verschwunden.

Positiv anzumerken ist aber, das alles am Objektiv außen – inklusive Gegenlichtblende und Deckel – aus Metall gefertigt ist. Sowieso ist die Verarbeitung wirklich gut. Alles sitzt satt und ohne Spiel. Der Fokusring ebenso, wie der Blendenring. Der – untypisch, aber durchaus praktisch – vorn am Objektiv angebracht ist.
Das voll manuelle Objektiv bringt es mit sich, das keinerlei Datenaustausch mit der Kamera stattfindet. Gut, weil es keine softwarebedingten Inkompatibilitäten mit sich bringt. Schlecht, weil keinerlei exif-Daten hinterlegt werden. Man also im Nachhinein nur raten kann, welche Blende genutzt wurde.
A propos Blende: das Objektiv arbeitet mit 9 Blendenlamellen und erzeugt ein wirklich schönes Bokeh.
Das Gewicht hab ich schon erwähnt. Viel Schlepperei, vor allem, wenn man noch einen GFX-Body dabei hat. Der zwar für eine Mittelformatkamera recht kompakt ist, aber eben doch deutlich mehr aufträgt, als eine spiegellose Vollformatkamera. Dafür ist aber diese Linse an einer GFX auch recht ausgewogen. Die Kombi ist nicht kopflastig.
Ein technischer Aspekt – neben der Offenblendenschwäche – ist der Hang zur Vignettierung. Eigentlich für das Vollformat gerechnet, erlaubt der Bildkreis auch den Einsatz am digitalen Mittelformat. Allerdings um den Preis einer leichten, aber sichtbaren, Vignettierung. Diese nimmt mit dem Abblenden ab oder lässt sich z.B. in Lightroom entfernen. Oder man setzt sie bewusst für den Bildlook ein. Letzteres ist mein Vorgehen.

Im Video von Krolop und Gerst, das ich weiter oben verlinkt habe, wird das Objektiv als Hassliebe bezeichnet – wobei die Liebe klar betont wird. Mir geht es ähnlich, wobei ich die Verzweiflung, die dort gezeigt wird, nicht teile. Ich mag es einfach, wenn etwas nicht perfekt ist. Menschen sind es nicht. Und das Objektiv ist es auch nicht – und genau das macht beide besonders.

Freistellung vom feinsten und eine Zartheit, die den Bildern zusammen einen unglaublich schönen Look geben. Viel Glas für wenig Geld. Und neue kreative Möglichkeiten, wie sie wesentlich teurere Objektive oft nicht bieten.
Mein Dank gilt allen Damen, die hier zu sehen sind. Ohne sie gäbs diese Bilder nicht.
Frau Amari (Bild 1)
Suse Küstenkind (Bild 3)
Kupferhaut (Bild 2, 5, Titelbild)
Salomé (Bild 4)
Dani (Bild 6)
LaFleurdelamer (Bild 7)
Beke (Bild 8)






